Auftakt der Veranstaltungsreihe „Begegnungen“:

Diesmal "Muslime treffen Juden"

Zeit der Begegnung: In Zeiten zunehmender globaler Konflikte hat Inssan eine jüdisch-muslimische Dialogveranstaltung der besonderen Art durchgeführt. Am 24.10. fand die Auftaktveranstaltung der Veranstaltungsreihe Begegnungen im Jüdischen Museum statt. Nach dem schönen Grußwort von Herren Christopher Jage-Bowler des Pfarrers der Anglikanischen Kirche in Berlin, in dem er die Notwendigkeit und die Dringlichkeit des Dialogs vor allem der Weltreligionen unterstrich, führten die Jüdin Shlomit Tulgan und der Muslim Ufuk Topkara im Jüdischen Museum ein Podiumsgespräch. Beide sind Berliner, ihre Eltern aus der Türkei und sie verbindet der Willen, trotz unterschiedlicher Religionen friedlich miteinander zu leben. In dem Dialog, bei dem der Nahostkonflikt ausdrücklich ausgeklammert war, ging es um die persönliche Begegnung.

Beide Podiumsteilnehmer haben viele Erfahrungen und Anknüpfungspunkte zu der jeweils anderen religiösen Welt: Die Vorfahren von Shlomit Tulgan flüchteten vor gut 500 Jahren aus Andalusien, um bei den Muslimen im Osmanischen Reich Schutz vor Verfolgungen zu finden; außerdem ist Sie mit einem amerikanischen Muslim verheiratet. Ufuk Topkara hält Führungen im Jüdischen Museum; darüber hinaus hat er seine Abschlussarbeit über „Deutsche Juden zwischen 1933-35: Verfolgung und Reaktion" geschrieben. Der Appell dieser Begegnung war es das Persönliche und das Religiöse von der aktuellen Problematik des Nahen Ostens zu trennen und dem Antisemitismus und der Islamophobie entgegenzutreten.

Die Veranstaltung wurde von ca. 100 Teilnehmern besucht, die durch Ihre Reaktionen zeigten, dass sie diesen Dialog und ähnliche Veranstaltungen als sehr wichtig erachten.
Der Europaparlamenstabgeordnete der Grünen Cem Özdemir schickte uns seine besten Wünsche mit dem folgenden Wortlaut:
Grußwort von Cem Özdemir
Mitunter machen wir es uns zu einfach: Wir sprechen von den Muslimen, den Christen, den Juden... Doch die Gläubigen einer bestimmten Religion sind alles andere ein monolithischer Block. Die Vielfalt innerhalb der Muslime ist ebenso groß wie die der Christen und Juden. Ich stelle manchmal sogar fest, dass die Differenzen zwischen Gläubigen einer bestimmten Religion größer sind als zwischen Gläubigen verschiedener Religionen. Wie ich mir da so sicher kann? Es ist der persönliche Kontakt mit den Menschen, mit Christen, Juden und Muslimen, der es mir ermöglicht, sie und ihre Ansichten und Wertvorstellungen kennenzulernen. Erst dieser persönliche Kontakt, die Offenheit für das Gespräch, den Dialog ebenso wie für den Disput, offenbart uns den anderen Menschen. Dabei werden wir überrascht, manchmal auch enttäuscht. Doch nichts kann das Gespräch ersetzen. Es ist die Basis eines Dialogs der Kulturen wie auch die Basis einer Kultur des Dialogs.
In diesem Sinne danke ich allen Beteiligten dieser besonderen Veranstaltung, in deren Mittelpunkt mit Shlomit Tulgan und Ufuk Topkara zwei Menschen aus Berlin stehen, die vermeintliche Grenzen überschreiten und den Dialog der Kulturen mit Leben füllen. Ich wünsche eine fruchtbare Diskussion und verbleibe mit besten Grüßen.
Ihr
Cem Özdemir

Der Tagesspiegel berichtete von der Veranstaltung wie folgt:

Jeder, wie er will

Leben zwischen den Religionen: Bei einer Veranstaltungsreihe treffen eine jüdische Türkin und ein türkischer Moslem aufeinander

von Ferda Ataman

Ihre Mutter schwärmt von den alten Zeiten in Istanbul, als Armenier, Juden und Muslime noch Tür an Tür wohnten. Ihre Großmutter sprach dort sogar noch „Ladino“, auch Judenspanisch genannt. Shlomit Tulgan selbst erlebt oft, dass die Leute „schockiert“ sind, wenn sie sich als jüdische Türkin offenbart. Shlomits Vorfahren mussten vor rund 500 Jahren ihre Heimat in Andalusien verlassen, um vor der Schreckensherrschaft der Kirche zu fliehen. Der osmanische Sultan gewährte damals vielen Juden Zuflucht. Und so kommt es, dass bei der ersten Veranstaltung der Reihe „Begegnungen“ eine Jüdin aus der Türkei einem türkischen Moslem begegnen kann. Man könnte natürlich auch sagen: Hier treffen zwei Berliner aufeinander, die die gleiche Herkunft haben, aber einen unterschiedlichen Glauben.
Veranstaltet wird das Podiumsgespräch im Auditorium des Jüdischen Museums vom islamischen Verein „Inssan“. Der Berliner Verein setzt sich unter anderem zum Ziel, die ethnisch getrennten Gemeinden in einem „deutschsprachigen Islam“ zusammenzubringen. Der Vereinsvorsitzende Imran Sagir moderiert das Gespräch vor 100 Zuhörern und stellt persönliche Fragen. Wie die an den zweiten Gast Ufuk Topkara: Wie kommt es eigentlich, dass er als Moslem im Jüdischen Museum Führungen macht? Die Antwort ist leicht: Der Geschichtsstudent hatte erfahren, dass die Einrichtung nach einem türkischsprachigen Führer sucht. Gefragt, beworben, Feuer gefangen: Vor kurzem hat Topkara seine Abschlussarbeit in Washington gemacht – über „Deutsche Juden zwischen 1933-35“. Und siehe da: Auch der jüdische Professor stammte aus Istanbul.
Die Kinderbuch-Illustratorin Shlomit Tulgan ist mit einem „amerikanischen Muslim“ verheiratet. „Wie sah eure Hochzeit aus?“, will der Moderator wissen. „Wir sind beide sehr gläubige Menschen“, erklärt die 37-Jährige. Deshalb wollten sie eine religiöse Trauung mit einem Imam und einem Rabbi. Das aber klappte nicht. „Im Islam ist es den Männern erlaubt, eine Frau anderen Glaubens zu heiraten.“ Der Imam war also leicht zu finden. „Eine Jüdin darf aber nur einen Juden heiraten.“ Einen liberalen Rabbiner zu finden, ist dem Paar einfach nicht gelungen. Und wie läuft es mit der islamisch-jüdischen Ehe? Tulgans Antwort fällt kulinarisch aus: „Ich bin froh, dass mein Mann kein Schweinefleisch isst.“ Und die Trennung zwischen „milchiger und fleischiger Küche“ sei kein Problem: „Wir sind beide Vegetarier.“
Es wird ein Abend voller Anekdoten aus dem Leben zwischen den Religionen, zwischen den Kulturen. Es scheint jedoch kein verlorenes „Dazwischen“ zu sein, vielmehr ein gewolltes „Zusammen“. Und daher wird es auch ein Abend der Perspektivenwechsel: Der Moslem Topkara erzählt, wie er durch seinen Job im Jüdischen Museum den alltäglichen Antisemitismus kennenlernt. Von Schülern, die den Eintritt nicht bezahlen wollen, „weil das Geld nach Israel geht“. Der junge Türke findet das „ziemlich frustrierend“.
Die Jüdin Tulgan dagegen hat vor kurzem versucht, auf der Frankfurter Buchmesse einen Verleger für ihr Kinderbuch über den Islam zu finden. Gefunden hat sie vor allem Ablehnung: „Wir sind ein deutscher Verlag“, sei die häufigste Antwort gewesen. „Da habe ich verstanden, wie schwer es sein muss, hier als Muslim zu leben“, sagt Tulgan.
Immer wieder gibt es zustimmendes Nicken aus dem Publikum. Vielleicht könne ja Berlin ein beispielhaftes Übungsterrain für den interreligiösen Dialog werden, heißt es. „Warum nicht“, meint Ufuk Topkara und erinnert an Preußen-König Friedrich II. Der hatte den Nutzen von Multikulti früh erkannt: „In meinem Staat soll jeder nach seiner Façon selig werden.“

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 26.10.2007)

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